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1250 Jahre Geschichte im Spiegel der Musik

Das Publikum feiert das Ensemble in der Evangelischen Stadtkirche

Der Ökumenische Arbeitskreis Walldorfer Kirchenmusiken lud zur musikalischen Zeitreise ein

Unter dem Motto „Musica Waltdorf“ lud der Ökumenische Arbeitskreis Walldorfer Kirchenmusiken am 8. Februar zu einem Wandelkonzert anlässlich des 1250. Stadtjubiläums ein. Dieses ganz besondere Konzert, das in der katholischen Kirche St. Peter begann, und seine Fortsetzung in der Evangelischen Stadtkirche fand, ließ 1250 Jahre Kirchenmusik lebendig werden.

Alle Werke, die an diesem Abend erklangen, nahmen Bezug auf wichtige historische Daten der Stadt Walldorf, die als Ort „Waltdorf“ erstmals in einer Urkunde des Lorscher Codex 770 erwähnt wurde. Von Klangbeispielen aus römischer Zeit über gregorianische Gesänge Hildegard von Bingens, Werke Mozarts, Mendelssohn Bartholdys und Hindemiths, ging es bis in unsere Tage. Mit der Uraufführung eines geistlichen Werkes von Timo Jouko Hermann war man schließlich in der Gegenwart angekommen.
Über ein interessantes, abwechslungsreiches und gut durchdachtes Programm konnten sich die zahlreichen Zuhörer freuen. Mit von der Partie waren Hagen Pätzold (römische Instrumente, Trompete), Carmen Buchert (Sopran), Franz Vitzthum (Countertenor), Johannes Vogt (Laute), Carsten Klomp und Patrick Mörtel (Orgel), die Evangelische Kantorei Walldorf unter der Leitung von Andrea Stegmann sowie ein Streichquintett der Kammerphilharmonie Mannheim. Durch das Programm führten Pfarrerin Wibke Klomp und Franz Vitzthum.

Den Auftakt machten fanfarenartige Klänge einer römischen Tuba, die vom Aussehen an eine große Naturtrompete erinnerte. Pätzold spielte mit reiner Intonation auf dem originalgetreuen Nachbau eines Instruments aus dem zweiten Jahrhundert v. Chr. Als noch spektakulärer erwies sich das riesige römische Cornu (Horn) aus der Zeit Kaiser Hadrians (siehe Foto unten), der Nachbau eines Fundes aus Pompeji. Diese römischen Instrumente dienten nicht nur der Signalgebung, sondern hatten auch sakrale Aufgaben.

Mit einem großen Sprung ging es ins Mittelalter. 1230 erhielten die Pfalzgrafen Walldorf als Lehen. Passend dazu erklang Musik von Äbtissin Hildegard von Bingen. Musik hatte für Hildegard eine ganz besondere Bedeutung. Als Spiegel der himmlischen Harmonie sollte sie Gott den Menschen nahebringen. Mit ruhigem, klarem Ton, ohne Schnörkel und ohne instrumentale Begleitung ließ Sopranistin Buchert ihre klangschöne Stimme mit einem lateinischen Marien-Lobgesang wie aus himmlischen Gefilden von der Empore erschallen. Weiter ging es in die Renaissance. 1544 wurde Walldorf in der „Cosmographia“ von Sebastian Münster erwähnt. Passend dazu trug Patrick Mörtel das eindrückliche Orgelwerk „Da pacem“ von Arnolt Schlick, einem blinden Organisten, der in Heidelberg tätig war, vor. Im Pfälzischen Erbfolgekrieg 1689 wurde Walldorf vollständig zerstört. Kurz zuvor wütete der 30-jährigen Krieg. Viel Leid und große Not prägte diese Epoche. Musikalisch war man nun im Barock angekommen. Die Sammlung „Krieges-Angst-Seufftzer“ von Johann Hildebrand, aus der zwei Gesänge zu hören waren, stellt das wohl eindrucksvollste musikalische Zeugnis dieser bedrückenden Kriegsnot dar. Mit seiner hohen und reinen Countertenorstimme ließ Vitzthum die Klage „Ach Gott“ und die Bitte um Frieden zu den schönsten Klängen der Laute (Vogt) lebendig werden. Auch die Kantorei flehte im vierstimmigen, a cappella gesungenen Satz Gott an, der „Sünden Maß“ zu zerbrechen. Nach Krieg, Leid und Tod kamen für Walldorf auch wieder bessere Zeiten. 1787 wurde der Neubau der katholischen Kirche vollendet. Musikalisch nunmehr in der Klassik angekommen verzauberte Sopranistin Buchert mit Streicher- und Orgelbegleitung von Carsten Klomp das Publikum mit Wolfgang Amadeus Mozarts „Laudate Dominum“. Herrlich frisch pulsierte Mozarts Musik, wunderbar perlten die Koloraturen der Sängerin, die mit ihrer beweglichen und warmen Stimme gefiel. In das Gotteslob durften auch die Zuhörer mit „Großer Gott, wir loben dich“ einstimmen, festlich instrumental begleitet von Orgel (Klomp) und Trompete (Pätzold).

Nun konnten sich die Besucher bei malerischem Mondschein auf den Weg zur Evangelischen Stadtkirche, die in den Jahren 1856 bis 1861 im neugotischen Stil erbaut wurde, machen. Musikalisch gehört diese Zeit zur Epoche der Romantik und so erklang Felix Mendelssohn Bartholdys Choralkantate „Wer nur den lieben Gott lässt walten“. Die Choralkantate für Sopran, Chor, Streicher und Orgel basiert auf Text und Melodie eines alten Kirchenliedes von Georg Neumark und drückt im subtil angelegten Zusammenspiel von Solistin, Chor und Orchester Zuversicht und Vertrauen auf Gott aus. Unter der engagierten Leitung von Stegmann lieferte die Kantorei eine beachtliche Leistung ab. Besonders der zweite Satz mit seinem Cantus firmus im Bass und seiner kleinteiligen Gliederung stellt große Ansprüche an die Chorsänger, die gut gemeistert wurden. Tröstlich zu den schönsten schwelgenden Streicherklängen floss die Sopran-Arie dahin. Weiter ging es ins 20. Jahrhundert. 1901 wurden Walldorf die Stadtrechte verliehen, 1902 gab es eine Pferde-Straßenbahn in Walldorf, 1907 wurde die Stadt elektrifiziert. Zu diesen erfreulichen Ereignissen passte Edward Elgars berühmtes „Pomp and Circumstance“, das Klomp festlich und virtuos auf der Orgel erschallen ließ. Das 19. Jahrhundert brachte nicht nur Fortschritt und Aufbruch, sondern auch die dunkle Zeit des Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg. 1940 wurden die jüdischen Einwohnerinnen und Einwohner Walldorfs ins Lager Gurs nach Frankreich deportiert. Im Wechsel mit Chor und Solisten war auch das Publikum eingeladen das tröstliche Kirchenlied „Von guten Mächten treu und still umgeben“, nach einem Gedicht des Theologen und NS-Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffers, mitzusingen. Nach dem Krieg nahm Walldorf 1946 rund tausend Heimatvertriebene auf. Auch Paul Hindemith, dessen Sonate II Mörtel einfühlsam auf der Orgel erklingen ließ, musste als „entarteter“ Künstler seine Heimat während der NS-Diktatur verlassen. Mit der Uraufführung von Herrmanns Werk „Meine Liebe lebt in Gott“ für zwei Solostimmen, Chor und Streichquintett fand der Konzertabend einen würdigen Abschluss. Gleichzeitig wurde damit auch der Kreis geschlossen, denn Herrmanns Werk ist frei notiert, klingt mit seinen vielen Quart- und Quintklängen archaisch und erinnert an die Gregorianik und somit an das erste christliche kirchenmusikalische Werk dieses Abends. Der Text stammt aus einem barocken Kantatenlibretto von Georg Christian Lehms. Wunderbar harmonierten die Stimmen von Buchert und Vitzthum zu Beginn im deklamatorischem Stil. Nicht abbrechende Tongirlanden verdeutlichten den Textabschnitt „ein Band, das ewig heißt“. Das „Da Capo“ wurde vom Chor getragen und mündete in eine Coda in E-Dur, eine besonders lichtvolle Tonart. In die zarten hohen Flageolett-Schlussakkorde der Streicher erklangen noch einmal die Solostimmen wie aus weiter Ferne im Unisono. Herrmanns ätherisches und anrührendes Werk fand großen Anklang beim Publikum. Mit nicht enden wollendem Applaus bedankten sich die Zuhörer bei allen Mitwirkenden für dieses ganz besondere Konzert anlässlich des Stadtjubiläums.

Carmen Diemer-Stachel